Die Bundesagentur für Arbeit zählt in ihrer Fachkräfteengpassanalyse 2025 157 Engpassberufe — zum zweiten Mal in Folge weniger als im Jahr zuvor. Das klingt nach Entspannung. Es ist keine. Wer aus der sinkenden Gesamtzahl abliest, dass sich offene Stellen jetzt schneller besetzen lassen, verwechselt zwei Messungen und plant auf der falschen.
Was ein Engpassberuf ist — und was die Zahl 157 misst
Ein Engpassberuf bezeichnet einen Beruf, für den die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit anhand mehrerer Indikatoren einen Fachkräfteengpass feststellt. Die Einstufung ist damit das Ergebnis einer Auswertung von Arbeitsmarktdaten. Sie ist keine Selbstauskunft von Betrieben, keine Umfrage und keine Liste besonders gefragter Tätigkeiten.
Welche Indikatoren die Analyse im Einzelnen heranzieht, wie sie gewichtet werden und wo ihre Schwellen liegen, regelt die Methodik des Berichts. Dieser Beitrag gibt sie nicht wieder und leitet aus ihr auch nichts ab. Für die betriebliche Praxis zählt zunächst etwas Einfacheres: Die Einstufung gilt für einen Beruf. Nicht für eine einzelne Stelle, nicht für einen Standort, nicht für einen Betrieb.
Ebenso wichtig ist, was die Zahl nicht zählt. Sie zählt keine offenen Stellen, keine fehlenden Personen und keine Unternehmen. Sie zählt Berufe. Ein Beruf auf dieser Liste kann sehr viele Beschäftigte umfassen, ein anderer sehr wenige — in der Summe der Berufe wiegen beide gleich schwer. Genau das macht die Gesamtzahl zu einer Beobachtungsgröße für den Arbeitsmarkt und nicht zu einer Planungsgröße für ein Unternehmen.
Veröffentlicht wird die Analyse von der Bundesagentur für Arbeit in der Reihe „Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt“; die Ausgabe für das Berichtsjahr 2025 ist im Mai 2026 erschienen. Sie ist eine Bestandsaufnahme für ein abgeschlossenes Jahr, keine Vorhersage für das laufende. Wer sie als Prognose liest, legt ihr etwas bei, das sie nicht enthält.
Drei Jahre, drei Zahlen: 183, 163, 157
Zur Entwicklung schreibt die Bundesagentur für Arbeit: „Die Zahl der Engpassberufe ist im Vergleich zu den Vorjahren weiter gesunken.“ Die BA beziffert den Stand für das Berichtsjahr 2025 mit 157 Engpassberufen, für 2024 mit 163 Engpassberufen und für 2023 mit 183 Engpassberufen.
Zwei Rückgänge hintereinander ergeben eine Richtung. Eine Aussage darüber, wie schwer eine Besetzung in einem bestimmten Beruf fällt, ergeben sie nicht. Fällt ein Beruf aus der Zählung, verschwindet er aus der Statistik — die Stellen in den verbliebenen Berufen werden dadurch nicht leichter besetzbar. Warum ein einzelner Beruf die Einstufung verliert, lässt sich aus der Gesamtzahl ohnehin nicht ablesen; sie ist eine Summe und nennt ihre Bestandteile nicht.
Für einen Betrieb ist diese Summe deshalb die falsche Bezugsgröße. Sie beschreibt den Arbeitsmarkt als Ganzes. Ihre Personalplanung betrifft einen Beruf, ein Anforderungsniveau, einen Standort und eine bestimmte Anzahl von Stellen. Zwischen der einen Ebene und der anderen gibt es keine Umrechnung, und jede, die dennoch vorgenommen wird, ist eine Erfindung.
Hinzu kommt ein zeitlicher Versatz. Die Analyse beschreibt ein abgeschlossenes Berichtsjahr; die Stelle, die heute besetzt werden soll, gehört in das laufende. Zwischen dem Stichtag einer Auswertung und dem Tag, an dem ein Betrieb seine Ausschreibung veröffentlicht, liegen Monate. Für eine Marktbeobachtung ist dieser Versatz unerheblich. Für eine Terminplanung ist er es nicht.
Aus der Richtung der Kurve folgt damit keine einzige betriebliche Entscheidung. Sie taugt für die Einordnung eines Berichts, nicht für die Frage, wann eine Suche beginnen muss. Diese Frage beantwortet eine andere Kennzahl.
Warum die Vakanzzeit trotzdem nicht sinkt
Neben der Anzahl der Engpassberufe gibt es eine zweite Kennzahl, die ohne Befragung auskommt: die Vakanzzeit gemeldeter Arbeitsstellen. Sie misst, wie lange eine gemeldete Stelle im Durchschnitt unbesetzt bleibt. Sie misst eine Dauer und keine Einschätzung, und sie lässt sich nicht schönreden.
Für den Zeitraum von April 2025 bis März 2026 weist die Bundesagentur für Arbeit unter anderem folgende Werte aus: auf Fachkraftniveau 183 Tage, über alle Anforderungsniveaus hinweg 165 Tage, bei Helfer- und Anlerntätigkeiten 156 Tage, auf Expertenniveau 109 Tage.
Die längste dieser Dauern trifft nicht die Tätigkeiten mit Hochschulabschluss, sondern die mit abgeschlossener Berufsausbildung. Warum die Reihenfolge so ausfällt, weist die Statistik nicht aus; sie misst Dauern, keine Ursachen. Was die Anforderungsniveaus voneinander unterscheidet und warum die Einordnung vor jeder Suche steht, ist in Fachkraft, Spezialist, Experte: Die Recruiting-Begriffe im Klartext ausführlich beschrieben.
Noch weiter gehen die Werte einzelner Berufe auseinander. In der Aufstellung der Engpassberufe mit den längsten Vakanzzeiten steht der Aus- und Trockenbau für denselben Zeitraum laut Bundesagentur für Arbeit mit 301 Tagen an erster Stelle. Das ist kein Ausreißer am Rand einer Tabelle, sondern der Spitzenwert der Liste, auf die ein Betrieb schaut, wenn er ein Bauprojekt terminiert.
Legt man beide Größen nebeneinander, fällt der Widerspruch auf: weniger Engpassberufe, und zugleich Vakanzzeiten von vielen Monaten. Aufgelöst wird er durch das, was die beiden Zahlen jeweils messen. Die folgende Lesart ergibt sich aus den Zahlen selbst; eine Aussage der Bundesagentur für Arbeit ist sie nicht.
Die Anzahl der Engpassberufe misst die Breite des Engpasses: über wie viele Berufe hinweg überhaupt einer festgestellt wird. Die Vakanzzeit misst die Tiefe: wie lange es in einem einzelnen Beruf dauert, bis eine Stelle vom Tisch ist. Breite und Tiefe sind zwei verschiedene Dimensionen desselben Befunds, und sie können sich gegenläufig bewegen, ohne dass eine der beiden Zahlen falsch wäre.
Für den einzelnen Betrieb ist die Tiefe die entscheidende Größe. Eine Liste, die kürzer wird, besetzt keine Stelle. Wie sich eine Dauer von vielen Monaten im Betriebsalltag auswirkt — in Überstunden, abgelehnten Aufträgen und verschobenen Terminen —, steht in Warum Ihre Stelle zehn Monate offen bleibt.
Wo die Elektroberufe in der Analyse auftauchen
Konkret wird die Analyse dort, wo sie einzelne Berufe benennt. Die Bundesagentur für Arbeit führt „Berufe in der Bauelektrik“ (Berufsuntergruppe 2621) in ihrer Tabelle „Beschäftigungsstärkste Engpassberufe (Fachkräfte, Top 10)“.
Diese Tabelle sortiert nicht nach der Schwere eines Engpasses, sondern nach Beschäftigungsstärke. Sie beantwortet die Frage, welche der eingestuften Berufe besonders viele Beschäftigte haben. Für einen Elektrobetrieb heißt das: Der Beruf, um den es bei der Besetzung geht, steht in der Auswertung nicht am Rand, sondern in der vordersten Gruppe.
Eine Ebene darüber wird die Analyse ebenfalls deutlich. Auf dem Anforderungsniveau Spezialist stellt die Bundesagentur für Arbeit für 48 Berufsgattungen einen Fachkräfteengpass fest, und die Elektrotechnik wird dort namentlich genannt. Der Engpass betrifft die Elektroberufe also nicht nur auf der Ebene der Berufsausbildung, sondern auch auf der darüberliegenden Qualifikationsstufe.
Die einzelnen Kennziffern, mit denen die Analyse diese Einstufungen begründet, bleiben hier bewusst außen vor. Sie gehören in den Bericht und lassen sich nicht sinnvoll aus ihm herauslösen. Wer mit ihnen argumentieren will, zitiert den Bericht und nicht eine Zusammenfassung.
Für die Praxis folgt daraus die Frage nach dem eigenen Beruf statt nach der Gesamtzahl. Wie sich der Befund für die Elektroberufe im Bewerbermarkt darstellt, ist in Elektriker gesucht: Warum der Markt Ihre Stelle nicht füllt ausführlicher beschrieben.
Was ein Betrieb aus der Zahl macht — und was nicht
Die belastbare Frage ist nicht, ob die Lage sich bessert. Sie lautet, ob der eigene Beruf eingestuft ist und wie lange die eigene Stelle voraussichtlich offen bleibt. Drei Schritte machen aus der Statistik eine Planung.
Erstens: den eigenen Beruf einordnen. Prüfen Sie, ob der Beruf, für den Sie suchen, in der Fachkräfteengpassanalyse als Engpassberuf geführt wird, und auf welchem Anforderungsniveau das geschieht. Ein Beruf kann auf einer Stufe eingestuft sein und auf einer anderen nicht. Die Gesamtzahl der Engpassberufe hilft bei dieser Prüfung nicht weiter.
Zweitens: mit der Dauer rechnen, nicht mit der Richtung. Setzen Sie in Ihrer Planung die ausgewiesene Vakanzzeit Ihres Anforderungsniveaus an und nicht die Hoffnung auf eine Entspannung. Für das Fachkraftniveau weist die Bundesagentur für Arbeit 183 Tage aus, also rund sechs Monate. Diese Uhr läuft ab dem Termin, zu dem die Person frühestens gebraucht würde — die Zeit davor für Entscheidung, Stellenbeschreibung und Ausschreibung kommt hinzu.
Drittens: rückwärts rechnen. Legen Sie den Termin fest, zu dem die Stelle besetzt sein soll, und ziehen Sie die Dauer davon ab. Das Ergebnis ist der Tag, an dem die Suche spätestens beginnen muss. Soll die Person zu einem bestimmten Zeitpunkt eingearbeitet sein, rechnen Sie die Einarbeitung zusätzlich davor. Wer erst mit der Kündigung eines Mitarbeiters zu suchen beginnt, hat diese Monate bereits verloren.
Angaben zur Orientierung, keine Rechtsberatung.
Diese drei Schritte ändern nichts am Markt. Sie ändern, an welchem Tag Sie mit der Suche beginnen, und über diesen Tag entscheidet Ihr Betrieb allein. Struktur schlägt Zufall.
Die Zahl der Engpassberufe sinkt, der Druck in den verbliebenen Berufen sinkt deshalb nicht mit. Das ist kein Widerspruch, sondern der Unterschied zwischen einer Marktbeobachtung und einer Personalplanung. Warum die Lücke weniger an fehlenden Menschen liegt als an der Art, wie in Deutschland gesucht wird, steht in Deutschland hat kein Fachkräfteproblem, sondern ein Rekrutierungsproblem.
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Weiterlesen
- 301 Tage: Was eine offene Stelle im Bau kostet — der Spitzenwert der Vakanzzeitliste und seine betrieblichen Folgen
- Helferstellen besetzen: 156 Tage sind der Schnitt — die Dauer für Helfer- und Anlerntätigkeiten im Detail
- Vakanzzeit nach Bundesländern: 72 Tage Unterschied — wie weit dieselbe Kennzahl regional auseinandergeht
- Fachkraft, Spezialist, Experte: Die Recruiting-Begriffe im Klartext — welche Stufe für Ihre Stelle gilt
- Internationale Pflegekräfte sind längst Normalität — wie internationale Besetzung in einer Branche bereits aussieht
Quellen
- Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse 2025. Reihe „Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt“. Mai 2026. https://www.arbeitsagentur.de/en/press/2026-32-specialists-remain-in-short-supply-immigration-continues-to-grow-in-importance (abgerufen 13.09.2026).
- Bundesagentur für Arbeit: Vakanzzeit von Arbeitsstellen nach Anforderungsniveau in Deutschland, April 2025 bis März 2026, aufbereitet von Statista. 2026. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1318407/umfrage/vakanzzeit-gemeldeter-arbeitsstellen-nach-anforderungsniveau (abgerufen 13.09.2026).
- Bundesagentur für Arbeit: Engpassberufe mit den längsten Vakanzzeiten, April 2025 bis März 2026, aufbereitet von Statista. 2026. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/420385/umfrage/engpassberufe-in-deutschland-nach-durchschnittlicher-vakanzzeit (abgerufen 13.09.2026).







