Sie haben die Stelle ausgeschrieben, die Anzeige verlängert, die Prämie erhöht — und der Posteingang bleibt leer. Das liegt nicht an Ihrer Anzeige. Bei den Elektroberufen ist der Bewerbermarkt rechnerisch leer, und zwar messbar: Für rund drei von vier offenen Stellen in der Bauelektrik gibt es bundesweit keinen passend qualifizierten Arbeitslosen.
Drei von vier Stellen ohne passenden Bewerber
Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft misst jedes Jahr, wie viele offene Stellen rechnerisch nicht besetzt werden können, weil bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen zur Verfügung stehen — die sogenannte Fachkräftelücke. Für die Bauelektrik auf Fachkraftniveau lauten die Werte für 2025: 21.510 gemeldete offene Stellen, davon 16.270 ohne passenden Bewerber. Das ist eine Stellenüberhangsquote von 75,6 Prozent — und die größte Fachkräftelücke aller Berufe auf Fachkraftniveau (Quelle: KOFA / IW Köln, Jahresrückblick 2025).
Die Bauelektrik ist dabei kein Ausreißer, sondern die Spitze eines Musters. In der elektrischen Betriebstechnik fehlen weitere 13.011 Fachkräfte bei einer Überhangsquote von 78,2 Prozent. Bei Spezialisten für die Aufsicht in der Elektrotechnik liegt die Quote bei 81,5 Prozent, bei Experten der Elektrotechnik bei 71,0 Prozent (Quelle: KOFA / IW Köln, Jahresrückblick 2025). Anders gesagt: Der Engpass zieht sich durch alle Qualifikationsebenen des Berufsfelds, vom Gesellen bis zum Ingenieur.
Zur Einordnung der Größenordnung: Über alle Berufe hinweg blieben 2025 rund 369.516 offene Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte rechnerisch unbesetzbar — jede dritte offene Stelle. Die Elektroberufe stehen an der Spitze dieser Verteilung, nicht in ihrer Mitte.
Warum Ihre Anzeige daran nichts ändert
Eine Stellenanzeige verteilt Aufmerksamkeit unter den Menschen, die verfügbar sind. Sie erzeugt keine zusätzlichen Fachkräfte. Wenn auf 100 offene Stellen in der Bauelektrik rechnerisch 24 verfügbare Bewerber kommen, konkurrieren Sie mit drei anderen Betrieben um denselben Menschen — und diese Konkurrenz entscheidet sich selten über die Anzeige, sondern über Gehalt, Arbeitsweg und den Bekanntheitsgrad des Betriebs.
Wie lange das dauert, zeigt die Besetzungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit: Eine Fachkraftstelle bleibt im Schnitt 183 Tage unbesetzt (Quelle: Bundesagentur für Arbeit, April 2025 bis März 2026). Im benachbarten Gewerk Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klima — das mit der Elektrotechnik um dieselben Baustellen und oft um dieselben Auszubildenden konkurriert — sind es 296 Tage, Platz zwei aller Berufe (Quelle: Bundesagentur für Arbeit, April 2025 bis März 2026). Was eine solche Wartezeit betriebswirtschaftlich bedeutet, haben wir am Beispiel Bau durchgerechnet: 301 Tage — was eine offene Stelle im Bau kostet.
Hinzu kommt ein Effekt, der in keiner Statistik steht, aber jede Kalkulation trifft: Während die Stelle offen ist, arbeitet Ihr Bestandsteam die Aufträge ab — mit Überstunden, mit geschobenen Terminen, im schlechtesten Fall mit Absagen an Neukunden. Der Engpass kostet also doppelt: erst die entgangene Leistung der unbesetzten Stelle, dann die Belastung derer, die sie auffangen.
Die ehrliche Konsequenz aus diesen Zahlen ist unbequem: Wer im Inland sucht, verteilt den Mangel um. Die Anzeige, die Prämie, der Headhunter — alle greifen in denselben, rechnerisch leeren Topf. Wer die Stelle wirklich besetzen will, muss den Kreis der Menschen vergrößern, die überhaupt infrage kommen.
Was der Engpass mit der Energiewende zu tun hat
Der Befund ist umso bemerkenswerter, als die Fachkräftelücke insgesamt zuletzt gesunken ist — der Arbeitsmarkt war 2025 schwach, Unternehmen meldeten weniger offene Stellen. Dass die Elektroberufe trotzdem an der Spitze stehen, hat einen strukturellen Grund, den das KOFA bereits im Jahresrückblick davor im Titel führte: Engpässe für die Energiewende, trotz sinkender Fachkräftelücke (Quelle: KOFA / IW Köln, Jahresrückblick 2024).
Die Rechnung dahinter ist einfach. Wärmepumpen, Photovoltaik, Ladeinfrastruktur und Netzausbau sind in der Umsetzung vor allem eines: Elektroinstallation. Jede politische Zielmarke für den Umbau der Energieversorgung übersetzt sich in Arbeitsstunden von Bauelektrikern und Betriebstechnikern — also genau der beiden Berufe, in denen schon heute die größten Lücken klaffen. Die Nachfrage nach diesen Händen ist damit nicht konjunkturell, die bei schwacher Wirtschaft wieder verschwindet, sondern politisch und technisch festgeschrieben für die kommenden Jahre.
Für Ihre Personalplanung heißt das: Warten verbessert die Lage nicht. Ein schwaches Konjunkturjahr wie 2025 hat die Lücke in der Bauelektrik nicht geschlossen — sie blieb die größte des Landes. In einem Aufschwung wird sie größer, nicht kleiner.
Zwei Wege zu Elektro-Personal aus dem Ausland
Für Betriebe, die international rekrutieren wollen, führen zwei rechtliche Wege zum Ziel — und sie unterscheiden sich in Dauer, Aufwand und Profil.
Weg eins: die Fachkraft mit Berufsausbildung. Ein Elektriker mit abgeschlossener Ausbildung aus einem Drittstaat kann über § 18a Aufenthaltsgesetz einreisen. Voraussetzung ist die Anerkennung der Berufsqualifikation — im Elektrohandwerk in der Regel über die Handwerkskammer. Der Weg dauert erfahrungsgemäß vier bis sechs Monate und führt zu einer vollwertigen Fachkraft, die eigenverantwortlich arbeiten darf. Wie das Anerkennungsverfahren grundsätzlich abläuft, beschreibt unser Beitrag zur Berufsanerkennung im Ausland.
Weg zwei: die Arbeitskraft über die Westbalkan-Regelung. § 26 Absatz 2 der Beschäftigungsverordnung erlaubt Staatsangehörigen der sechs Westbalkan-Staaten jede Beschäftigung in Deutschland — unabhängig von einer formalen Qualifikation. Für Helfer- und Anlerntätigkeiten in der Elektromontage ist das der schnellere Weg: zwei bis vier Monate, ohne Anerkennungsverfahren. Die Grenze ist klar: Ohne anerkannte Ausbildung bleibt es bei unterstützenden Tätigkeiten unter Aufsicht einer Fachkraft.
In beiden Fällen läuft der Prozess in denselben sieben Schritten ab. Erstens die Bedarfsanalyse: Sie übermitteln Ihren Personalbedarf, die aktive Suche beginnt nach Vorliegen der vollständigen Bedarfsanalyse und des unterzeichneten Vermittlungsvertrages. Zweitens Kandidatensuche und Vorqualifizierung, etwa zwei bis vier Wochen. Drittens die Kandidatenvorstellung per Dokumentenmappe mit Video- oder Interviewoption. Viertens Dokumentensammlung und Legalisation. Fünftens das Behördenverfahren — die Arbeitserlaubnis dauert etwa sechs bis acht Wochen. Sechstens Visumverfahren und Flugbuchung, etwa vier Wochen. Siebtens Anreise, Anmeldung und Arbeitsaufnahme.
Insgesamt sind das rund vier Monate ab Vertrag — keine 48 Stunden, und wer Ihnen etwas anderes verspricht, verspricht zu viel. Der Unterschied zwischen den Anbietern liegt nicht im Verfahren, das für alle gleich lang ist, sondern in der Vorbereitung: ob die Unterlagen beim ersten Anlauf vollständig sind und ob der Kandidat sprachlich und fachlich auf die Baustelle vorbereitet ankommt. Angaben zur Orientierung, keine Rechtsberatung.
Was das für Ihre Planung heißt
Drei Konsequenzen aus der Zahlenlage.
Erstens: Rechnen Sie mit dem Markt, nicht gegen ihn. 75,6 Prozent Überhangsquote heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihre Anzeige den einen verfügbaren Bewerber erreicht und überzeugt, ist gering — und sie sinkt mit jedem Monat, weil die Lücke strukturell ist, nicht konjunkturell.
Zweitens: Der Vorlauf gehört in die Auftragsplanung. Wer im Frühjahr Montagekapazität braucht, startet die internationale Suche im Herbst. Vier Monate Verfahren sind der Preis für eine Besetzung, die sonst gar nicht stattfindet.
Drittens: Unterscheiden Sie Fachkraft und Arbeitskraft sauber. Eine anerkannte Fachkraft ersetzt einen Gesellen. Eine Arbeitskraft über die Westbalkan-Regelung entlastet Ihre Gesellen — beim Kabelziehen, bei der Montagevorbereitung, bei allem, was unter Aufsicht laufen kann. Beides löst ein anderes Problem. Wer eine Fachkraft braucht und eine Arbeitskraft einstellt, hat die Lücke nicht geschlossen; wer für Zuarbeit eine anerkannte Fachkraft rekrutiert, bezahlt Kompetenz, die er nicht auslastet.
Viertens: Rechnen Sie die unbesetzte Stelle ehrlich gegen. Ein halbes Jahr Vakanz bedeutet ein halbes Jahr nicht geschriebene Rechnungen für die Aufträge, die die Stelle hätte abarbeiten sollen — plus Überstunden im Bestandsteam und im schlechtesten Fall abgelehnte Aufträge. Gegen diese Summe sind vier Monate strukturierter Vorlauf keine Verzögerung, sondern die schnellere Besetzung.
Zur Einordnung: Wir nennen in diesem Beitrag bewusst keine Erfolgszahlen aus eigener Vermittlung. Was wir beschreiben, ist die Marktlage und die Rechtslage, nicht ein Ergebnis, das wir noch nicht vorweisen können.
Weiterlesen
- 301 Tage: Was eine offene Stelle im Bau kostet
- Warum Ihre Stelle zehn Monate offen bleibt
- Berufsanerkennung Ausland: So funktioniert das Verfahren
Quellen
- KOFA / Institut der deutschen Wirtschaft: KOFA Kompakt — Jahresrückblick 2025: Schwacher Arbeitsmarkt. 2026. https://www.kofa.de/media/Publikationen/KOFA_Kompakt/KOFA_Kompakt_Jahresrueckblick_2025.pdf (abgerufen 27.08.2026)
- Bundesagentur für Arbeit: Engpassberufe nach durchschnittlicher Vakanzzeit, April 2025 bis März 2026. (Statista-Aufbereitung, Projekt-Pool-Datei; keine frei zugängliche Einzel-URL verifiziert)
- Beschäftigungsverordnung § 26 Abs. 2 — Westbalkan-Regelung. Amtlicher Gesetzestext (Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de).
- Aufenthaltsgesetz § 18a — Fachkräfte mit Berufsausbildung. Amtlicher Gesetzestext (Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de).







