Es gibt eine Zahl aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, die in Baubetrieben erstaunlich wenig bekannt ist, obwohl sie dort jeden Tag Geld kostet. Sie lautet 301. So viele Tage bleibt eine gemeldete Stelle im Aus- und Trockenbau im Durchschnitt unbesetzt. Nicht in einem Ausnahmejahr, sondern im gleitenden Zwölfmonatszeitraum von April 2025 bis März 2026.
Die Zahl, die kaum jemand kennt
Der Aus- und Trockenbau führt die Rangliste der längsten Vakanzzeiten in Deutschland an. Dahinter folgen dicht gedrängt weitere Bauberufe.
- Aus- und Trockenbau, Isolierung: 301 Tage
- Klempnerei, Sanitär, Heizung, Klimatechnik: 296 Tage
- Bodenverlegung: 290 Tage
- Naturstein- und Mineralaufbereitung, Baustoffherstellung: 289 Tage
- Hochbau: 285 Tage
Zum Vergleich: Über alle Anforderungsniveaus hinweg liegt die durchschnittliche Vakanzzeit in Deutschland bei 165 Tagen. Für Stellen auf Fachkraftniveau sind es 183 Tage. Der Aus- und Trockenbau liegt damit rund 64 Prozent über dem Fachkraftdurchschnitt und fast beim Doppelten des Gesamtdurchschnitts.
301 Tage sind zehn Monate. Wer im Januar eine Stelle ausschreibt, besetzt sie statistisch im November. Wenn alles normal läuft.
Warum ausgerechnet der Bau
Die Vakanzzeit misst die Zeit vom gewünschten Besetzungstermin bis zu dem Moment, in dem der Arbeitgeber die Stelle bei der Bundesagentur wieder abmeldet. Sie ist damit einer von sechs Indikatoren, mit denen die Bundesagentur jährlich bestimmt, ob ein Beruf ein Engpassberuf ist.
Der eigentliche Befund steckt aber nicht in der Vakanzzeit selbst, sondern in einer zweiten Zahl. Im Jahresdurchschnitt 2024 waren rund 439.000 sozialversicherungspflichtige Stellen für Fachkräfte, Spezialisten und Experten gemeldet. Knapp die Hälfte davon entfiel auf Engpassberufe. Von den arbeitslos gemeldeten Fachkräften suchte jedoch nur ein Viertel eine Beschäftigung in genau diesen Berufen.
Das ist der Kern des Problems, und er wird durch eine steigende Arbeitslosenzahl nicht kleiner. Der Arbeitsmarkt ist zweigeteilt. Die Menschen, die verfügbar sind, und die Stellen, die offen sind, passen beruflich nicht zusammen. Sie können den Bewerbermarkt im Aus- und Trockenbau nicht durch eine bessere Anzeige erschließen, wenn die Leute, die suchen, etwas anderes gelernt haben.
Gleichzeitig zieht die Auftragslage an. Das Statistische Bundesamt meldete für November 2025 einen nominalen Umsatz im Bauhauptgewerbe von 12,3 Milliarden Euro, 6,8 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, bei einem Auftragseingang von plus 8,5 Prozent gegenüber dem Vormonat. Mehr Aufträge bei gleichbleibend dünner Personaldecke bedeutet nicht Wachstum. Es bedeutet Auswahl unter Aufträgen, die man eigentlich alle annehmen wollte.
Was 301 Tage konkret kosten
Jetzt wird es unangenehm konkret. Die folgende Rechnung ist ausdrücklich eine Modellrechnung, keine Statistik. Setzen Sie Ihre eigenen Zahlen ein, dann wird sie belastbar.
Schritt 1: Ausfalltage bestimmen. 301 Kalendertage entsprechen bei einer Fünftagewoche rund 215 Arbeitstagen.
Schritt 2: Deckungsbeitrag je produktivem Mitarbeitertag ansetzen. Nehmen wir für dieses Beispiel 350 Euro an. Das ist eine Annahme, kein Erhebungswert. Ihr tatsächlicher Wert ergibt sich aus Ihrem Stundenverrechnungssatz abzüglich der direkten Kosten.
Schritt 3: Multiplizieren. 215 Arbeitstage mal 350 Euro ergeben 75.250 Euro entgangenen Deckungsbeitrag über die Dauer der Vakanz.
Schritt 4: Kompensation abziehen. Kein Betrieb lässt eine Stelle vollständig brachliegen. Ein Teil der Leistung wird über Überstunden, Umverteilung oder Subunternehmer aufgefangen. Nehmen wir an, Sie kompensieren die Hälfte. Dann bleiben rund 37.600 Euro.
Aber diese Kompensation ist nicht kostenlos. Überstunden werden mit Zuschlag vergütet. Subunternehmerleistung wird mit Marge eingekauft. Wenn Sie die Hälfte der Leistung zu einem Aufschlag von 25 bis 40 Prozent zukaufen, kommen auf die 37.600 Euro entgangenen Deckungsbeitrag weitere fünfstellige Mehrkosten obendrauf.
Rechnen Sie nach. Es dauert fünf Minuten und es ist die ehrlichste Zahl, die Sie in dieser Diskussion bekommen.
Die Kosten, die in keiner Rechnung stehen
Verzug. Bauverträge kennen Vertragsstrafen. Eine Verzögerung, die auf fehlendes Personal zurückgeht, ist rechtlich kein Entschuldigungsgrund. Sie zahlen zweimal: den entgangenen Deckungsbeitrag und die Pönale.
Abgelehnte Aufträge. Der teuerste Auftrag ist der, den Sie gar nicht erst anbieten, weil Sie wissen, dass Sie die Kolonne nicht zusammenbekommen. Diese Kosten erscheinen nirgends in der Buchhaltung, weil sie nie als Vorgang existiert haben.
Fluktuation im Restteam. Zehn Monate Unterbesetzung bedeuten zehn Monate Mehrbelastung für alle anderen. Der wahrscheinlichste Zeitpunkt für die nächste Kündigung ist der Moment, in dem die vorherige noch nicht ersetzt ist. So entsteht aus einer offenen Stelle eine zweite.
Qualität und Nacharbeit. Kolonnen unter Dauerdruck arbeiten schneller und ungenauer. Nacharbeit kostet Material, Zeit und im Zweifel den Kunden.
Und es kommt darauf an, wo Sie bauen
Die Vakanzzeit ist nicht nur eine Frage des Berufs, sondern auch des Standorts. Die Bundesagentur weist sie auch nach Bundesländern aus, und die Spanne ist erheblich.
- Rheinland-Pfalz: 206 Tage
- Brandenburg: 186 Tage
- Sachsen-Anhalt: 177 Tage
- Deutschland insgesamt: 165 Tage
- Berlin: 134 Tage
Zwischen Rheinland-Pfalz und Berlin liegen 72 Tage. Für einen Betrieb, der in beiden Regionen Baustellen bedient, heißt das: Dieselbe Stelle, dieselbe Anzeige, dieselbe Vergütung — und ein Unterschied von mehr als zwei Monaten in der Besetzungsdauer.
Wer im ländlichen Raum baut, konkurriert zusätzlich mit der Pendelbereitschaft. Eine Stelle vierzig Kilometer außerhalb der nächsten größeren Stadt ist statistisch nicht dieselbe Stelle wie eine im Stadtgebiet, auch wenn im Inserat dasselbe steht. Diesen Faktor können Sie durch Bezahlung nur begrenzt ausgleichen, weil er nicht am Geld hängt, sondern an der Lebensplanung der Bewerber.
Bei internationaler Rekrutierung dreht sich dieses Verhältnis um. Für jemanden, der ohnehin das Land wechselt, ist der Unterschied zwischen einer Stadt und dem Umland deutlich weniger relevant als für eine Fachkraft, die in Deutschland bereits einen Wohnsitz, eine Familie und einen Freundeskreis hat. Betriebe in strukturschwachen Regionen gewinnen deshalb durch internationale Rekrutierung relativ gesehen mehr als Betriebe in Ballungsräumen. Das ist einer der wenigen Punkte, an denen die Lage im ländlichen Raum ein Vorteil ist und kein Nachteil.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Sie Unterkunft und Anbindung tatsächlich organisiert bekommen. Wer eine Arbeitskraft nach Deutschland holt und dann keine Wohnung stellt, hat nicht rekrutiert, sondern eine Kündigung mit Vorlauf produziert.
Was funktioniert und was nicht
Was in dieser Marktlage erfahrungsgemäß nicht mehr trägt: höhere Gehälter allein, mehr Stellenanzeigen auf denselben Portalen, längeres Warten auf den passenden Bewerber. Das sind Maßnahmen für einen Markt, in dem die Kandidatinnen und Kandidaten grundsätzlich vorhanden sind und nur überzeugt werden müssen. Bei 301 Tagen Vakanzzeit ist genau das nicht mehr die Ausgangslage.
Was strukturell trägt, ist die Erweiterung des Suchraums über Deutschland hinaus. Und hier liegt für das Baugewerbe eine Besonderheit, die viele Betriebe nicht kennen.
Für den Bau ist der Weg kürzer als gedacht
Bei internationaler Rekrutierung denken die meisten Betriebe zuerst an Anerkennungsverfahren, Behördengänge und Wartezeiten von einem Jahr. Für reglementierte Berufe stimmt das auch. Wie sich das in Zahlen niederschlägt, haben wir hier aufgeschrieben: Anerkennungsstatistik 2024.
Für Helfer- und Anlerntätigkeiten am Bau gilt es nicht. Über die Westbalkanregelung nach Paragraf 26 Absatz 2 der Beschäftigungsverordnung können Arbeitskräfte aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien für jede Beschäftigung zugelassen werden — unabhängig von einer formalen Qualifikation. Voraussetzung sind ein konkretes Arbeitsplatzangebot und die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Ein Anerkennungsverfahren entfällt.
Damit reduziert sich der Prozess auf das, was tatsächlich Zeit kostet: die Auswahl geeigneter Kandidaten, die vollständige Dokumentenvorbereitung und den Visumtermin. Das ist planbar. Es ist nicht schnell im Sinne von wenigen Wochen, und wer Ihnen das verspricht, verkauft Ihnen etwas. Aber es ist deutlich kürzer als 301 Tage, und es ist vor allem eines: kalkulierbar.
Die Angaben in diesem Beitrag dienen der Orientierung und ersetzen keine Rechtsberatung.
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Weiterlesen
- Anerkennungsstatistik 2024: 987 Köche, 21.699 Pflegekräfte
- Personalvermittlung Kosten: Was Recruiting wirklich kostet
Quellen
- Bundesagentur für Arbeit: Engpassberufe — Berufe mit den längsten Vakanzzeiten von Arbeitsstellen in Deutschland, April 2025 bis März 2026.
- Bundesagentur für Arbeit: Vakanzzeit von Arbeitsstellen nach Anforderungsniveau und nach Bundesländern, April 2025 bis März 2026.
- Bundesagentur für Arbeit: Qualifizierte Fachkräfte weiterhin gesucht. Pressemitteilung Nr. 25, 2025.
- Statistisches Bundesamt: Auftragseingang im Bauhauptgewerbe im November 2025. Pressemitteilung Nr. 027, 2026.






